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Märchen

Das Märchen von der schönen Esmeralda
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Das Märchen von der schönen Esmeralda

Das Märchen von der schönen Esmeralda

Es war einmal, ein armer Waldarbeiter, der mit seiner Frau nach einer langen Reise vom Norden in den Süden des Mittelmeerraumes in jenes Landes kam, in dem sich die Geschich-te abgespielt hat, die ich jetzt erzählen möchte.
Sein Weg führte ihn geradewegs zum König, um ihm seine Dienste anzubieten. Der König war gerade in großer Verlegenheit. Sein schöner Wald wurde immer lichter, weil sich ir-gendwelche Leute von seinem Holz bedienten. Sie feuerten mit den edlen Hölzern, die ei-gentlich zum Herstellen von Möbeln gedacht waren, ihre Öfen. Es galt zwar ein Gesetz, dass für jeden abgeholzten Baum zwei junge neue Bäume gepflanzt werden mussten, um den Wald weiterhin zu erhalten, aber an so etwas dachten die Waldfrevler nicht. So verlor der Wald immer mehr Bäume, die nicht ersetzt wurden. Bald würde sich eine öde Fläche dort ausdehnen, wo einmal die Menschen Kühle und Erholung suchten, wenn es in den Städten zu heiß wurde. Der Boden würde trocken und ausgelaugt sein, und die Menschen könnten da nicht mehr leben, weil es an Trinkwasser fehlen würde, wofür sonst der Wald, als der größte Wasserspeicher, gesorgt hatte. Verzweifelt bemühte sich der König um einen Aufse-her, der gleichzeitig mitten im Grün wohnen sollte, um den Holzdiebstahl zu verhindern.
Für diese Arbeit war ein guter Lohn ausgesetzt, und den benötigte der arme Mann drin-gend, denn er und seine Frau besaßen nur das, was sie auf dem Leibe trugen.
„Sucht euch einen Platz, worauf ihr euer Häuschen erbaut. Verwendet zunächst die auf-gestapelten Hölzer, die dafür vorgesehen sind. Legt euch auch einen kleinen Garten an, da-mit ihr das Nötigste an Gemüse und Obst erhaltet, wovon ihr leben könnt, “ sagte der König. „Begnügt euch mit dem herumliegenden Holz, und schlagt erst einen neuen Baum, wenn ihr wirklich noch Baumaterial benötigt. Denkt daran, immer wieder für jeden abgeschlagenen Baum zwei neue zu pflanzen!“
Der Mann versprach sich an die Regeln zu halten und machte sich sogleich auf den Weg, um die Hölzer zu sichten, von denen der König gesprochen hatte. Sorgfältig wählte er einige bessere aus, die er zur Seite legte. Mit den übrigen Bohlen und Brettern reichte es gerade zu einer bescheidenen Hütte. Als er damit fertig war, arbeitete er aus den zurück gelegten feiner strukturierten Holzbrettern eine Wiege. Bald darauf bekam seine Frau eine wunderschöne Tochter, die sie in die Wiege legten und Esmeralda nannten. Sie war im Sternbild der Fische geboren, und man sagt, dass diese Menschen eine besondere Liebe für das Wasser haben.
Obwohl sie arm waren, lebten sie miteinander sehr glücklich. In der Nähe des Hauses, in einer kleinen Lichtung, hatte der Mann noch ein schlichtes Holzkreuz mit einer Bank aufge-stellt, wo sie Gott danken konnten für das Glück ihrer Tage. Wenn am Nachmittag der Son-nenstrahl durch das dichte Blattwerk auf die kleine Gebetsstelle traf, bedeutete es den bei-den Leuten als eine Art Verheißung, dass dieses Glück Zeit ihres Lebens fortdauern würde.
Esmeralda wuchs zu einem schönen jungen Mädchen heran, aber oft sandte sie einen so sehnsuchtsvollen Blick von der Höhe hinab auf das blau schimmernde Meer tief unter ihr, dass ihr Vater, der dies beobachtet hatte, sich Gedanken machte. Lebte Esmeralda doch nur mit ihren Eltern zusammen. Sie hatte keine Geschwister und auch sonst keine Spielgefähr-ten, die für Kurzweil sorgten, weil ihr Haus einsam in dem großen Wald stand.
Zu ihrem vierzehnten Geburtstag zimmerte ihr der Vater ein kleines Boot, das sie gemein-sam mit weißer und hellblauer Farbe anmalten. Dann nahm der Vater einen feinen Pinsel und schrieb mit roter Farbe „Esmeralda“ auf die Seitenwand. Esmeralda hüpfte vor Vergnü-gen, als sie beide das Schiff zu Wasser ließen. Der Vater machte sie mit der Führung ver-traut, und Esmeralda begriff schnell, wie sie das Gefährt sicher rudern und hinaus auf das Meer lenken konnte.
Morgens frühzeitig ging sie hinunter zum Hafen, wo ihr Boot an einer dicken Kette befes-tigt war. Nicht lange darauf, kam sie mit einem großen Korb fangfrischer Fische zurück. Ei-nen Teil verkaufte sie auf dem Markt, aber es blieb noch genug für die Bereicherung der el-terlichen Küche.
Wenn sie die Fische auf dem Markt verkauft hatte, behielt sie immer einige Münzen, die mit einem Loch in der Mitte versehen waren, für sich zurück. Diese nähte sie an ein buntes Gewand, das ihr die Mutter einmal geschenkt hatte. Es wurde ihr Marktkleid. Jeder, der auf dem Markt nach ihr Ausschau hielt, erkannte sie sofort an ihrem lustigen Kleid. Sie hatte die frischesten Fische und hielt für jeden der Käufer ein freundliches Wort bereit.
Sobald sie ihre Fische verkauft hatte, sang sie mit ihrer schönen Stimme einige lustige Volksweisen und tanzte dazu. Für eine kurze Zeit überließ Gianno den Verkaufsstand seiner Frau, Jasmina, um die willkommene Abwechslung zu nutzen. Mit seinem Saiteninstrument, welches er mit grandioser Fingerfertigkeit zu spielen verstand, spielte er Esmeralda zum Tanz auf. Er mochte es gern, wenn sie mit der ihr eigenen Natürlichkeit und einem gewin-nenden Lächeln alle Zuschauer in ihren Bann zog. Esmeraldas Münzen am Rock tanzten mit und begleiteten die gespielten Weisen von Gianno mit ihrem hellen Klingen.
Das war so schön, dass die Leute stehen blieben. In ihre Gesichter trat ein Lächeln, und sie warfen die raren Lochmünzen in einen aufgestellten Topf, damit Esmeralda die noch lee-ren Stellen ihres Gewandes damit besetzen konnte. Sie dankte mit einer bescheidenen Ver-beugung, wenn sie das Klingen im Topf vernahm. Für einen kurzen Augenblick beruhigten sich die kleinen Locken, die das ebenmäßig geschnittene Gesicht von Esmeralda umrahm-ten und infolge des Tanzes in heftige Bewegung geraten waren.
Einmal, als sie nach einer Verbeugung wieder in die Menge schaute, spürte sie zwei Au-gen auf sich gerichtet, die sie festzuhalten schienen. Sie gehörten zu einem Gesicht, das sie vorher noch niemals gesehen hatte. Irritiert wandte sie sich ab. Eine sonderbare Erregung hatte sich ihrer bemächtigt, ein Gefühl, das ihr bis tief ins Innere drang. Sie spürte, dass sie errötete und ihr gesamter Körper von einer plötzlichen Hitzewallung erfasst wurde, wofür sie keine Erklärung hatte.
Die Hitze im Süden Europas ist bekanntlich im Sommer sehr hoch, auch die Tänze hatten ihr Blut in Wallung gebracht, aber Esmeralda erkannte, das etwas geschehen war, was sie erst begreifen musste. Sie ging zu weniger temperamentvollen Tänzen über, ein Zeichen, dass ihre Vorstellung sich dem Ende näherte. Als die Umstehenden ihr zujubelten, bedankte sie sich mit einer tiefen Verbeugung. Noch einmal wagte sie einen Blick in die Richtung, aus der noch immer jener junge Mann sie unverwandt ansah. Auch er schien von ihrer Erschei-nung gebannt zu sein. Er nickte ihr freundlich zu, und seine Hände schlugen Beifall klat-schend heftig aufeinander. Diesmal fand sie in ihrem Topf eine große silberne Münze, deren Wert sie nicht kannte. Gianno steckte sie seinen Teil des Geldes zu, verbarg aber den Sil-berling schnell in einer Tasche ihres Kleides. Irritiert packte Esmeralda ihren Marktstand zu-sammen und strebte ihrem kühlen Wald zu.
Eines Tages überschritt sie, emsig rudernd, unbemerkt die vom Vater gesetzte Wasser-grenze. Sich ihrer eigenen Kraft plötzlich bewusst, trug sie der Kahn weit auf das Meer hin-aus.
Schon lange hatte sie sich nicht mehr umgeschaut, als sie bemerkte, wie fern der Strand jetzt war. Mittlerweile war es dunkel geworden, und sie stellte mit Erschrecken fest, dass sie allein war. Sie hatte die Richtung aus den Augen verloren. Unwissend, wie sie ihr Boot len-ken sollte, irrte sie in der Finsternis umher. Kein anderes Schiff, das ihr den Weg zum zu-rückliegenden Ufer hätte zeigen könnte, befand sich auf der dunklen unübersehbaren Was-serfläche. Der Himmel schien verhangen, denn sie sah keinen Stern aufleuchten, auch der Mond hatte sich hinter den Wolken versteckt.
In der Ferne sah sie plötzlich ein Licht, als ihre Ruderkraft fast erlahmt war. Da dies der einzige Anhaltspunkt in der Finsternis war, lenkte sie mit letzter Energie ihr Boot darauf zu. Schon bald befand sie sich vor einer kleinen Meeresinsel, von deren Existenz sie bisher nichts wusste. Am vorgelagerten Holzsteg, wo sich bereits größere und prächtigere Wasser-fahrzeuge angekettet hatten, machte auch sie ihr Boot fest. Etwas unsicher betrat sie das fremde Land und suchte nach dem Licht, welches sie hierher gelockt hatte.
Im Dunkel erkannte sie die Silhouette eines Felsen, worauf eine Burg stand, dessen Fenster erleuchtet waren. Eine in Stein gehauene Treppe führte steil auf die Höhe. Musik drang an ihr Ohr und sie vernahm eine Vielzahl von unterschiedlichen Stimmen, aber sie verstand kein einziges Wort. Offensichtlich feierte man ein Fest. Sie bedauerte, nicht zu den geladenen Gästen zu gehören. Sicher wäre es drinnen lustig und warm.
Was sollte sie tun, irgendwo musste sie die Nacht verbringen, aber es gab keine freundliche Wiese, um sich lang auszustrecken, keinen schützenden Baum, unter dem sie sich hätte ausruhen können. Sie traute sich nicht, an dem schweren Eichentor zu klopfen, aus Angst, sie würde abgewiesen.
Die Nacht war kühl. Sie fror in ihrem leichten Sommerkleid. Außerdem machte sie sich Gedanken. Sicher würden ihre guten Eltern in großer Sorge um sie sein. Wie eine Diebin schlich sie auf der Suche nach einer verborgenen Pforte um das Gebäude herum. Dann ver-suchte sie den Fels zu ersteigen und bekam direkt unter einem Fenster einen sicheren Halt.
Ihre Augen blickten in einen prächtig erleuchteten Saal. Tanzmusik drang zu ihr heraus. Esmeralda zuckte es in den Füßen. Von der Decke hing ein riesiger Lüster, in dessen ge-schliffenem Glasbehang sich unzählige Schatten spiegelten. Sicherlich drehten sich unter ihm fröhliche Paare im Kreis. Neugierig geworden, suchte sie noch ein wenig höher zu stei-gen. In der Dunkelheit verfehlte sie einen der glatten Steine, der wohl kurz zuvor von der Flut umspült gewesen war. Mit einem Aufschrei rutschte sie einige Meter in die Tiefe, wo sie benommen liegen blieb.
Das Tor wurde aufgestoßen. Stimmen drangen an ihr Ohr. Sie verhielt sich aus Angst vor Entdeckung still. Ein Licht flackerte auf, lief über den Hang und erfasste Esmeralda, der es unmöglich war, sich zu rühren. Ihre Augen blickten erschreckt aus dem bleichen Gesicht auf jene, die einen Kreis um sie gebildet hatten. Ein zartes Rinnsal Blut lief über ihre Stirn. „Ist sie tot?“, fragte einer der hinzu trat. Man beruhigte ihn. „Nein, nein, sie hat sich sicher nur er-schreckt, und ist, wie mir scheint, nur leicht verletzt. Sie muss hier bleiben in dieser Nacht!“, war die erklärende Aussage des Hausherrn.
Esmeralda spürte noch, wie sie von starken Armen getragen ins Haus gebracht wurde. Dann fiel sie sanft auf irgendetwas Weiches, empfand wohlige Wärme und sank in einen sanften Schlummer.
Die Sonne schien schon durchs Fenster, als sie erwachte. Sie lag in einem wunderschö-nen Raum, der mit wertvoller Teppichen ausgestattet war. An den Wänden hingen schöne Gemälde, und ihr Bett glänzte, als sei es aus purem Gold. Die Kissen darin fühlten sich so weich und leicht an, ganz anders als bei ihr zu Hause. Esmeralda hatte Mühe sich zu erin-nern, und erst langsam erreichten sie die Bilder des vergangenen Tages.
Erschreckt sprang sie aus dem Bett, musste sich aber sofort wieder hinsetzen. Der Kopf tat ihr weh vom vorabendlichen Sturz, und ein leichter Schwindel überkam sie.
Trotzdem machte sie sich heimlich auf den Weg, weil sie unbedingt ihre Eltern beruhigen musste, die sicherlich ängstlich auf ihre Rückkehr warteten. Es gelang ihr, unbemerkt den Turm zu verlassen. Sicher schliefen seine Bewohner noch. Ihr angebundenes Boot fand sie am Steg noch so unversehrt vor, wie sie es am Abend zurück gelassen hatte. Mit kräftigen Armbewegungen ruderte sie dem fernen Ufer entgegen.
Die Eltern waren tatsächlich sehr aufgeregt, aber sichtlich erleichtert, Esmeralda wieder bei sich zu haben. In übergroße Liebe schlossen sie ihre Tochter in die Arme, ohne ihr Vor-würfe zu machen. Esmeralda durfte auch weiterhin mit ihrem Schiff aufs Meer hinaus, aber die beiden Alten baten sie, nicht mehr bis zu den Inseln vorzudringen. Fische konnte man schon in Ufernähe fangen. Das Meer war voll davon, und versorgte viele Menschen mit dem kostbaren Nahrungsmittel. Einige Angler sah man am Abend auf den Klippen, wenn sie ihre lange Schnur weit auf das Meer hinaus warfen. Kurze Zeit später verließen sie ihren Angel-platz mit gut gefüllten Eimern, die Rute lässig über die Schulter gelegt.
Esmeralda lebte, da sie mit ihrem Boot so oft sie es wünschte, die Freiheit auf dem Was-ser genießen konnte, ohne die frühere Sehnsucht nach der grenzenlosen Weite. Das Meer gab ihr die Freiheit, die sie brauchte. Ihre Lebensfreude offenbarte sich beim Tanz auf dem Marktplatz. Sie spürte, dass man sie mochte, und ihr gern zuschaute, wenn sie tanzte. Das zarte Klingen der Münzen an ihrem Kleid begleitete sie bei jedem Tanzschritt, den sie aus-führte. Obwohl auf ihrem Kleid kaum noch Platz für weitere Münzen war, füllten die Leute weiterhin ihren Becher. Einen Großteil des Erlöses gab sie den Eltern. Jetzt ging es ihnen al-len gut. Manchmal reichte es sogar für einen besonderen Leckerbissen, den sie an einem anderen Marktstand kaufte und mit hinauf in die Waldhütte nahm.
Der Gedanke an den jungen Prinzen ließ Esmeralda seit dem letzten Zusammentreffen an der Meeresburg nicht mehr los. Er hatte sie mit seinen starken Armen aufgehoben und Unterkunft gewährt. Seitdem vermisste sie ihn, denn so sehr sie ihn auch in den Reihen der Menschen, die sich auf dem Markt versammelten, absuchte, sie konnte ihn nirgendwo ent-decken. Nicht einmal bedankt hatte sie sich bei ihm. Wie eine Diebin war sie heimlich aus seiner Behausung geschlüpft. Nun brannte sie darauf, ihn wiederzusehen, nicht nur, um ihm zu danken. Sie hatte sich schrecklich in ihn verliebt.
Julian, so hieß der junge Prinz. Als er seinem Vater von seiner Liebe zu Esmeralda be-richtet hatte, reagierte dieser sehr ärgerlich. „Papperlapapp“, hatte er zu seinem Sohn ge-sagt: „Du wirst nicht so ein einfaches Mädchen heiraten, dass nichts weiter kann als Fische zu fangen und singen und tanzen wie eine Zigeunerin. Es gibt genug Mädchen deines Stan-des, die nur darauf warten, dass du um ihre Hand anhältst. Dann bekommst du auch noch ihren Anteil von Ländereien außerdem Gold und Edelsteine dazu!“ Er verlangte von Julian, sich auf eine lange Reise zu begeben, um eine ebenbürtige Frau zu finden.
Kurze Zeit später sandte der König ein größeres Schiff, das am Steg der Burg, mitten im Meer festmachte. Ein Bote überbrachte Julian den handschriftlichen Befehl seines Vaters. Darin war zu lesen, dass Julian sofort seine Reisesachen zusammenzupacken hatte, um sich auf Brautschau zu begeben. Eine Liste der wichtigsten Stationen wurde ihm überreicht. Julian gehorchte und sah sich auf den ausersehenen Fürstenhöfen um, aber keine der Töch-ter glich annähernd der schönen Esmeralda. Ihnen fehlte es an Charme und Klugheit und er vermisste an ihnen Grazie und Anmut, wenn sie sich bewegten.
Überall, wo er vorsprach, fühlte man sich sehr geehrt. Die Fürsten waren nur allzu gern bereit, dem jungen Mann, der aus so edlem Hause kam, ihre Tochter zur Frau zu geben. Sie richteten große Feste aus, verwöhnten Julian mit allerlei Leckerbissen und erlesenen Wei-nen, aber er zog bald weiter, ohne ein Heiratsversprechen. Jedes Mal, wenn er eine dieser jungen Frauen beim Tanz im Arm hielt, meinte er ein Stück Holz zu spüren. So sehr ver-krampften sie sich und traten ihm dabei noch auf die Füße. Dann dachte er an Esmeralda und malte sich aus, wie sie in seinem Arm biegsam und leicht wie eine Feder liegen würde. Seine Sehnsucht nach ihr wuchs von Tag zu Tag mehr.
Esmeraldas Sehnsucht nach ihm war indes verbunden mit der Sorge um ihre Eltern. Täg-lich schienen sie schwächer zu werden. Der Glanz aus ihren Augen war verloren gegangen. So viel sie nur die Kraft verspürten, liefen sie zu der kleinen Lichtung im Wald, wo der Vater einst das geschnitzte Kreuz aufgestellt hatte. Er hatte sich einen Stock aus einem biegsa-men Ast geschnitten, damit er seine müden Beine unterstützen konnte. Dort beteten sie ge-meinsam um die Gnade, die Erde gemeinsam verlassen zu dürfen, als sie sich der Endlich-keit ihres Lebens bewusst wurden.
Eines Tages, als Esmeralda sie wecken wollte, lagen sie still in ihren Betten. Esmeralda begriff nur langsam, dass sie nun allein der Einsamkeit des Waldes ausgesetzt war. Dass sie jetzt keinen Menschen mehr auf der Welt hatte, dem sie ihren Kummer anvertrauen konnte und der sie beschützte. Das machte ihr große Angst.
Drei Tage trauerte Esmeralda von ganzem Herzen. Sie ließ die Eltern an ihrem Lieblings-platz beerdigen. Nur wenige Trauergäste waren gekommen, und die Zeremonie war schnell zu Ende. Traurig kehrte sie in ihr kleines Haus zurück. Bald würde sie es räumen müssen, um einem neuen Pächter Platz zu machen.
In der Nacht schlief sie unruhig. Sie wurde von schlechten Träumen geplagt. Dazwischen schien es ihr, als klängen dumpfe Schläge mit einer Axt zu ihr herüber. Dann waren es er-neute Träume, die sie davon abhielten, nachzuschauen. Was hätte auch eine Frau gegen die Übermacht von Holzdieben ausrichten können?
Am anderen Morgen lief sie zum Grab der Eltern. Sie erschrak sehr vor dem Anblick, der sich ihr bot. Gerade um die kleine Lichtung herum, hatten sie gewütet. Die Bäume, die der Vater besonders gehegt hatte, weil sie von wertvollem Holz waren, hatten sie gefällt und mit-genommen. Sogar Esmeraldas Wachholder, den der Vater bei ihrer Geburt gesetzt hatte, war umgehauen worden, weil er vermutlich beim Abtransport des anderen Holzes im Wege stand. Die schweren Wagen hatten tiefe Spuren in den Waldboden gegraben, Pferdehufe ihn aufgewühlt. Dort, wo einmal die großen Bäume mit ihren weit ausladenden Kronen standen, ragten nur noch Baumstümpfe aus dem Boden. Ein Gewirr von abgeschlagenen Ästen be-deckten die Wunden des Waldes, die böse Menschen ihm geschlagen hatten. Ein Wunder, dass die kleine grob gezimmerte Bank der Eltern noch stand. Esmeralda setzte sich darauf, stützte ihren Kopf in beide Hände und weinte bitterlich.
Besonders der Verlust ihres Wachholders schmerzte sie. Wenn er blühte hatte er immer einen kräftig-würzigen Duft ausgeströmt. Im Herbst pflückte die Mutter die dunklen Beeren und schmorte sie mit dem Wildbrett, um ihm die notwendige Würze zu geben. Der Vater be-reitete ein heilsames Öl aus den Fruchtauszügen. Im Winter, wenn ihn Rheuma und Gicht plagten, die er sich bei seinen ausgedehnten Waldgängen hin und wieder holte, genügten wenige Einreibungen, um ihn wieder beschwerdefrei zu machen. Das Reisig des oft über-mäßig wuchernden Gehölzes diente verflochten am Eingang des Hauses als Fußmatte. Im Hause selbst lagen kleine Astabschnitte davon in den Räumen, um für einen geheimnisvol-len Duft zu sorgen. Seine reinigenden Kräfte vertrieben Krankheitskeime und sorgten für fri-sche Luft.
Nun lag dieses wertvolle Buschwerk am Boden, unter dem sie oft wundersame Träume überfielen, wenn sie müde geworden, sich in seinem Schatten ausruhte. Sie stand auf, beug-te sich über die Stelle, wo einstmals der Wachholder gestanden hatte. Eine Träne rann aus ihrem Auge und fiel auf den Stumpf, der noch aus dem Waldboden ragte. „Hatschi“, machte es plötzlich. Sie drehte sich herum, ob jemand in ihrer Nähe sie beobachte, aber sie sah nie-manden. Bald darauf hörte sie ein Ächzen, wie nach einer großen Anstrengung. Die Stelle, wo einstmals der Wachholder gestanden hatte, begann sich, wie von einer unterirdischen Kraft unterstützt, zu heben, und um die Stammreste lockerte sich die Erde.
Sie hörte im Erdinneren ein kräftiges Rumoren. Risse entstanden unter ihren Füssen, die sich um den Stumpf herum und über den Waldbodenbereich wie ein Spinnennetz verbreite-ten. Erschreckt trat sie zurück. Gleichzeitig wuchs das Restholz ein Stückchen weiter aus dem Boden. Jetzt hörte sie eine menschliche Stimme: „Zieh mich bitte heraus, Esmeralda. Ich kann dir von Nutzen sein!“ Dabei bewegte sich der Wurzelstumpf, wobei er noch ein we-nig mehr aus seiner trichterförmigen Öffnung heraus wuchs. Gerade soviel, dass man gut daran anfassen konnte.
Esmeralda beugte sich zum Erdboden, immer noch ungläubig, was sie aus der Tiefe zu vernehmen meinte. Dann fasste sie sich ein Herz und zog an dem herausragenden Ende. Der Schweiß stand ihr auf der Stirn, so sehr strengte es sie an, und ein paar Male musste sie geschwind nach Luft ringen, um erneut anzufassen. Dann gab es einen Ruck letzter Ver-zweiflung von ihr und ein Nachgeben aus der dunklen Erdhöhle. Die Wachholderwurzel löste sich aus der Erde.
Ungläubig schaute Esmeralda auf das hölzerne Gebilde, das sie gewaltsam der Tiefe ent-rissen hatte. Ein Gebilde,welches einen Kopf zu haben schien, besäht mit kleinen Holzwu-cherungen und Wurzelenden, die abgerissen waren. Rasch zog sie ein kleines Messer her-vor, das sie immer in einem Futteral bei sich trug. Sie brauchte es sonst, um ihre Fische für den Markt kochfertig zu bereiten. Jetzt befreite sie die Wurzel von dem Wirrwarr.
Nach dieser kosmetischen Arbeit besah sie sich ihr Werk und sagte: „Ich werde dich Wa-chold nennen. Aus einer Wacholderwurzel bist du geboren, und du sollst über mich wachen, dass mir nichts geschieht, da ich nun nicht mehr den Schutz meiner Eltern habe. Ich denke, der Name ist gut gewählt. Ob du allerdings diese Rolle übernehmen willst, weiß ich nicht. Jedenfalls kannst du immer noch mein Maskottchen sein, eine liebevolle Figur, die mir viel-leicht sogar Glück bringt.“
Wieder und wieder betrachtete sie das kugelige Gebilde, das sie in ihrer Hand hielt. Es besaß einem halsähnlichem Ansatz, welches sich zu breiten Schultern erweiterte. Der Kopf war ohne nennenswerte Konturen, die ein Gesicht ausmachen. Esmeralda suchte darin zu lesen. Vorsichtig wölbten sich gleichmäßig in entsprechender Höhe Brauen, und es schien ihr, je länger sie darauf schaute, bildeten sich langsam, aber stetig, zwei runde Augäpfel heraus. Ein Wurzelstück, welches abgebrochen war, hatte eine kreisrunde Wunde in Höhe des Mundes gerissen. Ein Glück für Wachhold, es ermöglichte ihm zu sprechen. Er konnte ungehindert seine Wünsche gegenüber Esmeralda aussprechen, und davon machte er so-fort Gebrauch. So bat er sie jetzt: „Bitte schneide mir mit deinem kleinen Messerchen Schnit-te in meine Augen, damit ich dich sehen kann, und ich selbst auch etwas von deiner schönen Welt erblicke.“
Esmeralda tat, worum Wachhold sie gebeten hatte. Zwei lustige braune Augen blickten plötzlich neugierig auf sie. „Schön bist du, Esmeralda, viel schöner, als ich dich je in meinen Träumen gesehen habe“, sagte das immer mehr an menschlichen Zügen gewinnende Holz. „Sieh mich genau an, Nasenlöcher sind vorhanden. Ich habe ja schon kräftig niesen können, aber dazu hätte ich zu gern noch eine schöne Nase.“ Esmeralda löste ihre Perlenkette und entnahm ihr eine oval geformte Holzperle. Mit der Spitze des Messers bohrte sie ein Loch in Wacholds Kopf. Dann schnitt sie ein gerade geformtes Astholz und spitzte es zu, worauf sie die Perle fädelte. Beides steckte sie zusammen in das vorgebohrte Loch. „Besonders hübsch ist das nicht, was du mir als Nase anbietest“, ließ sich Wachhold vernehmen, „aber ich will alle meine Kraft und Wachstumssäfte aufwenden, um sie zu verlängern. Im Moment fühle ich mich wie ein Clown, aber ich möchte ein ernsthaftes Individuum werden, auf das du dich ver-lassen kannst, falls du mich in deinen Dienst nimmst. Nun fehlen mir noch Glieder, auch da-für gibt es eine Lösung. Nähe mir ein Kleid mit langen Ärmeln daran. An die Enden der Ärmel nähst du Handschuhe, und an den Rocksaum befestigst du Schuhe. Du wirst sehen, je mehr du mich akzeptierst und liebst, umso eher fange ich an zu wachsen. Meine fehlenden Glieder werden nachgebildet mit der Kraft der Liebe, die du für mich bereithältst. Sie wird mich zu ei-nem, dem Menschen ähnlichen Wesen machen, und bald werde ich mich kaum noch von diesen unterscheiden.“
Esmeralda tat, wie ihm Wachhold geheißen. An das Kleid, was sie ihm aus hellem Leinen gefertigt hatte, nähte sie Fingerhandschuhe fest, und am Rocksaum hingen, fest verbunden mit dem Leinen, Lederschuhe. Wacholds Kleid hatte sie mit bunten Fäden und dem Rest ih-rer Münzen verziert. Zum Schluss setzte sie ihm eine lustige Mütze auf den kahlen Schädel.
So ohne Haare gefiel er ihr noch immer nicht. Kurzerhand schnitt sie sich eine größere Locke ihres Haares ab und befestigte sie so geschickt unter der Mütze, dass man jetzt auf einen gesunden Haarschopf unter der Kopfbedeckung schließen konnte. Dann bohrte sie am unteren Ende des Halses ein Loch, in welches sie einen langen kräftigen Stab steckte. So konnte sie Wachold als Schiffsfigur verwenden.
Mit Wachold stieg sie nun zum Wasser hinab. Am Bug ihres Bootes war eine ringförmige Halterung, in welche sie den Stab einsteckte und befestigte. Dieser lächelte zufrieden und dankbar Esmeralda an. „Was meinst du, sollten wir nicht eine kleine Seepartie veranstalten, um meine Wirkung auf andere Menschen auszuprobieren?“, fragte er sie.
Esmeralda spürte das gleiche Verlangen, und sie freute sich, dass sie nun nicht mehr al-lein auf dem unendlich großen Meer sein musste. Jetzt hatte Sie einen Kameraden, mit dem sie sich austauschen konnte.
Übers Wasser wehte eine zarte Brise, und sogleich blähte sich Wacholds weißes Gewand wie ein Segel. Viel schneller kam das kleine Boot voran, und wesentlich weniger Kraft muss-te Esmeralda aufbringen, um ihr Gefährt hinaus aufs Meer zu steuern. Mit Wachold zusam-men kümmerte sie nicht mehr die große Weite des Meeres, die vor ihnen lag. Er würde sie ebenso schnell wieder zum Strand zurückbringen, wie er sie zuvor hinaus geleitet hatte. Die Fischer in den anderen Booten erstaunten sich sehr, über das seltsam geschmückte Boot. Manche grüßten ehrerbietig, aber sie verhielten sich scheuer als sonst. Dann erblickten sie Esmeralda und wunderten sich. „Mein Maskottchen, ist es nicht hübsch?“, rief sie ihnen zu. „Oh ja, ein hübsches Segel“, meinten diese zustimmend und grüßten freundlich. „Gute Fahrt“, riefen sie ihr noch zu und schwenkten ihre Fischermützen.
Auch beim Fischfang schien Wachold ihr Glück zu bringen. Bald war das Boot voll von dem wertvollen Lebensmittel und drohte zu sinken. Sie mussten schleunigst umkehren, um die Ausbeute zu verkaufen.
Die Leute auf dem Markt rissen ihr die frische Ware förmlich aus den Händen. Bald waren fast alle Meerestiere verkauft, und sie hatte Not, noch eine Fischmalzeit für sich übrig zu be-halten. Nur gut, dass Wachold kein Essen benötigte. Ihm reichten die guten Worte, die Es-meralda für ihn bereithielt.
Sie hatte Wachold mitgenommen. Nun tanzte sie, zusammen mit ihm zum Abschluss, um die Wartenden nicht zu enttäuschen. Wachold hielt sie an dem Stock in der Linken und wenn sie diesen kräftig auf die Erde stieß, wackelte seine Mütze und an seinem Gewand tanzten die Münzen ebenso wie an ihrem Kleid. Das Klingen hatte sich um ein Drittel verstärkt, und Gianno hatte Mühe dagegen anzuspielen.
Wachold musste vorher versprechen, stumm zu bleiben. Sie fürchtete, die Menschen wür-den sie eine Hexe nennen, wenn sie ihnen eine sprechende Puppe vorführte. Er hatte ver-standen und gehorchte seiner neuen Dienerin. Ihm war sehr daran gelegen, dass es ihr gut ging.
Nun war es an der Zeit, dem König von dem kürzlich stattgefundenen Baumfrevel zu be-richten. Sie würden bestimmt wiederkommen, um weitere Bäume zu fällen. Esmeralda allein war nicht fähig, diesen Raubbau an der Natur zu stoppen. Sie musste dem König den Tod der Eltern mitteilen und ihn bitten, einen neuen Pächter zu schicken. Dabei ahnte sie, dass sie ihr Zuhause verlieren würde. Über diesen Gedanken erfasste sie eine unendliche Trau-rigkeit. Was sollte aus ihr und Wachold werden. Wo würden sie beide ein neues Heim fin-den?
Der König war sehr gütig und bot ihr eine Arbeit an seinem Hof an. Ihm gefiel das junge Mädchen sehr, das in seiner Trauer um die Eltern so viel Liebreiz ausstrahlte. Er konnte sei-ne Augen nicht von ihr abwenden und verwickelte sie in ein Gespräch. Dabei stellte er ihr al-lerlei Fragen und war überrascht, daß sie alle mit Klugheit beantworten konnte. Noch einmal fragte er sie nach ihrem Namen, und er schien etwas zu begreifen. Ein Leuchten glitt plötz-lich über sein Gesicht.
Esmeralda hatte ihm für die angebotene Stelle gedankt, aber höflich abgelehnt. Der König gestattete ihr, für einen gewissen Zeitraum weiter im Elternhaus zu leben. Er versprach, den neuen Pächter schon in den nächsten Tagen zu schicken. Dann bat er sie, ein Zimmer für diesen frei zu räumen. Für eine Aufwandsentschädigung solle sie den Pächter versorgen, da dieser noch unverheiratet sei und eine weibliche Hand brauche. Hatte sie sich getäuscht, oder huschte während dieses Gesprächs ein listiges Lächeln über das Gesicht des Herr-schers?
Der junge Prinz war inzwischen unverrichteter Dinge heimgekehrt. Eine passende Frau hatte er nicht gefunden, und er erwartete von seinem Vater dafür Schelte. Der Vater schien aber nicht besonders böse auf ihn zu sein. Er sagte nur:„Nun warst du fast ein ganzes Jahr fort, ohne dass du dich um eine Tätigkeit bemühen musstest, die dir deinen Lebensunterhalt gesichert hätte. Ich möchte, dass du den Wald schützt, der dir einmal gehören wird. Irgend-welche Diebe stehlen mir meine wertvollen Bäume. Wenn das so weitergeht, haben wir bald keinen Wald mehr. Wie du weißt, ist er für die Natur von großer Bedeutung. Ohne ihn gibt es bald nicht mehr genug Wasser und auch keine gesunde Luft. Die Tiere werden sterben und danach die Menschen. Du musst mir versprechen, im Wald als Pächter gehorsam deinen Dienst zu versehen.“
Ein schelmisches Zucken um das Auge des Vaters irritierte ihn zwar, aber er befolgte gern und aus Überzeugung seines Vaters Wunsch. Ernst war die Angelegenheit, er musste schnell handeln und keine Zeit verlieren. Auch er liebte den Wald und seine Tiere. Ihm war die außerordentliche Bedeutung des Waldes für alles Leben bekannt.
Esmeralda, die jetzt viel öfter aufs Meer hinaus fuhr, weil sie den Schutz durch Wachold genoss, verlangte es noch einmal die Meeresburg aufzusuchen. Dort wollte sie den jungen Mann suchen, der sie bei einer ihrer Vorstellungen mit besonderem Applaus bedacht hatte. Jener, der sie bei ihrem Sturz so sanft aufgenommen und in seiner Burg hatte nächtigen las-sen. Die große Silbermünze, die er ihr auf dem Markt gespendet hatte, trug sie seitdem ein-genäht in ihrem Kleid in Höhe ihres Herzens.
Der Tag war sonnig und warm. Zunächst erkundete sie die anderen Bereiche des Ufers. Da standen wunderschöne Villen, die in der Mittagszeit die Fensterläden geschlossen hiel-ten. Die sonst kläffenden scharfen Hunde dösten im Schatten und gaben keinen Laut. Esme-ralda hatte Muße, sich alles genau zu besehen. Sie konnte sich vorstellen, auch dort mit Wachold zu leben, wenn sie ihr Häuschen im Wald abgeben musste. Direkt vor dem Haus gab es Anlegestellen, um ihr Boot daran zu befestigen. So wäre sie viel schneller an Ort und Stelle, um ihrem Broterwerb auf dem Meer nachzugehen.
Fast unmerklich glitt das Boot in tieferes Gewässer, der Wind hatte sich gedreht und steuerte direkt auf die Insel zu. Auch auf der Burg waren alle Fenster geschlossen, was sie nicht sonderlich überraschte. Sie machte ihr Gefährt fest und befreite Wachold aus seiner Umklammerung. Dann ging sie um das Gemäuer herum. Vielleicht gab es eine undichte Stelle, um doch noch einen Blick ins Innere zu tun. Tatsächlich gab es eine kleine unverhüll-te Öffnung, die aber im oberen Bereich des Turms lag. Man hätte eine Leiter gebraucht, um hinein zu spähen. Da meldete sich Wachold; „Soll ich einmal für dich schauen? Halte mich nur am unteren Ende des Stockes in die Höhe. Ich werde dir sagen, was ich sehe und höre!“
„Der Vogel ist ausgeflogen, kein Laut ist zu hören“, ließ Wachold über seine Horchaktion von oben herab wissen. Esmeraldas Gesicht drückte Traurigkeit aus. Wo mochte er sein, der noch immer ihr Herz gefangen hielt? Es wird ihm doch wohl nichts geschehen sein! Sie zuck-te mit ihren Schultern, wie um sich selbst zur Ordnung zu rufen. Nicht einmal seinen Namen kannte sie. Was kümmerte sie sich um ihn. Sicher hatte er sie längst vergessen. Ziemlich dumm kam sie sich jetzt vor, doch ihr Herz war voller Traurigkeit.
Ihre Ruderschläge waren jetzt kraftlos. Dass sie dennoch schnell dem Ufer näher kamen, konnte sie Wachold verdanken, der geschickt den Wind nutzte und sich wie ein Segel gegen ihn blähte. Er versuchte sie aufzumuntern. Sah er doch die Schatten unter ihren Augen, aber den eigentlichen Grund ihrer Traurigkeit konnte er nur vermuten. Die Vertraulichkeit zwi-schen ihnen musste langsam wachsen. Niemals würde er direkt danach fragen.
Wie konnte Esmeralda ahnen, dass jener, den sie so sehr vermisste, auf dem Weg zu ihr war. Julian hatte sich auf Geheiß seines Vaters auf den Weg zur Waldhütte gemacht. Bald erreichte er das Haus, in welchem er ein sauberes Zimmer mit allem Nötigsten vorfand. In der Küche war der Tisch gedeckt, aber die Hausherrin war nicht da.
Sie wird den warmen Sommerabend hinaus aufs Meer gefahren sein, dachte er. Vielleicht gingen ihr einige Fische ins Netz, von dem sie sich und ihm, dem neuen Pächter, ein gesun-des Abendmahl bereiten würde. Er war voller Neugierde auf ihr Gesicht, wenn sie erst erfah-ren würde, wer bei ihr eingezogen war. Zunächst hatte er nur der Bitte des Vaters entspro-chen, sich um den Wald zu kümmern. Er wusste nicht, was der Vater mit ihm vorhatte, aber er begriff etwas, als er das Haus erkannte, in welches der Vater ihn geschickt hatte. Das könnte heißen, dass der Vater seine Wahl akzeptierte. So richtig traute er dem Schicksal noch nicht.
Esmeralda wusste vorerst nichts über ihren Mitbewohner, weil sie sehr früh aus dem Haus ging. Sie richtete ihm sein Essen, und er aß es, während sie auf dem Markt oder drau-ßen auf dem Meer war. Immer wieder auf der Suche nach einer neuen geeigneten Woh-nung, kam sie erst abends nach Hause, wenn Julian schon schlief. Ein neues Heim ließ sich für sie und Wachold schwer finden, da es ihr an einem Menschen fehlte, der für sie bürgte. Auch waren ihre Einnahmen zu gering, um die geforderte Miete zu bezahlen! -
Julian indessen beobachtete sie heimlich, wenn sie morgens aus dem Haus ging. Es war ein freudiges Erschrecken, als er sie nach langer Zeit wiedersah. Dieses Versteckspiel berei-tete ihm ein großes Vergnügen. Er war gewillt, es noch einige Zeit fort zu führen, um zu er-kennen, ob Esmeralda ihm eine gute Ehefrau sein könnte. Er verwöhnte sie mit kleinen Auf-merksamkeiten. Einmal war es eine besonders schöne Blüte, die er ihr in einer Vase auf den Tisch stellte. Dazu schrieb er einige Zeilen des Dankes, für die gute Versorgung. Ein ander-mal brachte er ihr schönes Wildbrett ins Haus, das sie für ihn sehr würzig zubereitete. Alles geschah in Heimlichkeit. Während für Julian das Rätsel gelöst war, blieb Esmeralda weiter ahnungslos.
Als sie wieder morgens sehr zeitig auf den Markt ging, überholte er sie heimlich über eine Abkürzung und war einer der ersten Kunden. Er sah das freudige Erschrecken in ihren Au-gen und die sanfte Röte, die ihr über die Wangen strich. „Warum tanzt du nicht mehr, Esme-ralda“, fragte er sie. Sie antwortete ihm, sie hätte seit dem Tod ihrer Eltern nur einmal ver-sucht zu tanzen, weil sie die Menschen nicht enttäuschen wollte, aber der Verlust der Eltern habe ihr alle Freude daran genommen. Er sprach einige tröstende Worte zu ihr, kaufte den größten und besten Fisch von ihrem Stand und strebte eiligst dem Wald zu. Dort bereitete er daraus ein leckeres Essen, deckte den Tisch, legte ein prächtiges Kleid über eine Stuhllehne und stellte zierliche Schuhe dazu, die er für sie vor einiger Zeit gekauft hatte.
Esmeralda kam mit Wachold ziemlich müde nach Hause. Ihr Magen knurrte, weil sie den ganzen Tag noch wenig gegessen hatte. Alle Fische hatte sie verkauft, bis auf einen, den sie dem Hausgast am Abend bereiten würde. Sie selbst könnte von den Essensresten leben, die sie noch im Hause hatte.
Aber wie erstaunte sie, als sie bemerkte, dass aus ihrem Schornstein ein feiner Rauchfa-den stieg, und es nach einem guten Essen duftete.
Der Tisch war hübsch gedeckt. Darauf standen gefüllte Weingläser mit edlem Schliff. Un-gläubig besah sie sich das prächtige Kleid mit den dazu passenden Schuhen. Eine Notiz lag auf dem Tisch. Mit schwungvollen Lettern stand darauf zu lesen:

„Kleid und Schuhe sind für dich, zieh’ sie an, dann rufe mich!
Rufe dreimal Julian, wie der Blitz komm ich sodann.“

Über das Gesicht von Esmeralda huschte ein Lächeln, als sie die gereimten Zeilen las. Da hatte sie sich einen wunderlichen Hausgast eingeladen!
Als sie sich vor dem Spiegel betrachtete, nachdem sie das Gewand und die Schuhe an-gezogen hatte, erschrak sie. Diese Kleidung musste eine Menge Geld gekostet haben! Wer konnte sie nur so reich beschenken? -
Gehorsam rief sie den Namen, den der ihr der bisher unbekannte Pächter wohl aufge-schrieben hatte und ihre Überraschung war echt, als sie ihn erkannte. Vor ihr stand der, dem sie heute ihren edelsten Fisch verkauft hatte. Der, den sie so sehnlichst herbeigewünscht hatte, und der so lange Zeit nicht auffindbar für sie gewesen war.
Er nahm ihren Arm, führte sie zu Tisch und bediente sie wie eine geliebte Frau. Dann sag-te er: „Liebe Esmeralda, willst du mit mir zu meinem Vater gehen? Er ist der König, den du neulich aufgesucht hast, um ihn von den Vorfällen im Wald zu berichten?“
Bis ans Ende der Welt würde sie ihm folgen! Gern versprach sie ihm, ihn zu seinem Vater zu begleiten. Dann ließen sie es sich schmecken und tranken dazu einen köstlichen Wein.
Unbeachtet stand Wachold an einen Schrank gelehnt. Er aß ja niemals etwas, aber er war es gewohnt, mit am Tisch zu sitzen. Esmeralda hatte ihren besten Freund über den Taumel des Glücks einfach vergessen.
Über Wacholds hölzernes Gesicht rollte eine Träne. Esmeralda, die sich plötzlich ihres Versehens bewusst wurde, lief zu ihm. „Mein liebster Wachold verzeih“, sagte sie, indem sie sich zu ihm beugte. „Was rätst du mir, teurer Freund, der du mir in meiner Einsamkeit ge-schenkt wurdest, und der du mir ohne Lohn treu gedient hast?“ Dann nahm sie ihn und ging mit ihm hinaus. Julian durfte nicht Ohrenzeuge werden, wenn sie sich mit einer hölzernen Puppe unterhielt, die ihr auch noch antwortete.
Kaum war sie mit Wachold allein, begann er ihr zu antworten: „Ich werde dich jetzt verlas-sen, Esmeralda. Es muss sein, denn du hast dein Glück gefunden.“ „Aber, wo wirst du hin-gehen, du hast kein Haus und kein Bett, wo du dich ausruhen kannst“, widersprach Esme-ralda. „Sei nicht traurig, ich finde schon einen neuen Menschen, dem ich dienen kann. Dein Leben wird sich jetzt vollkommen verändern. Dein Boot brauchst du nicht mehr. Verkaufe es an einen Menschen meiner Wahl. Wenn ich mit deinem Käufer einverstanden bin, werde ich es dir mit einem fast unmerklichen Blinzeln meiner Augen kundtun“, entgegnete er.
Esmeralda tat gern, worum Wachold gebeten hatte. War es doch der letzter Liebesdienst, den sie ihm erweisen konnte. Einige Male sah sie ihn weit draußen im Meer mit dem neuen Besitzer. Es schien ihr, dass er guter Dinge war. So lustig ließ er das Boot im Wind treiben, während er sich wie früher heftig aufblähte. Wehmütig dachte sie an die gemeinsame Zeit mit ihm, aber auf sie warteten jetzt andere Aufgaben.
Die Vorbereitungen für die Hochzeit nahmen sie sehr in Anspruch. Der König veranstalte-te ein großes Fest. Esmeralda war die schönste und klügste Braut, die der junge Prinz hätte heimführen können.
Gemeinsam regierten sie das Land mit großer Güte und Wachsamkeit, nachdem der alte König gestorben war. Sie bekamen viele Kinder und lebten so glücklich, wie einstmals Esme-raldas Eltern. Den Armen gaben sie gern von ihrem Reichtum ab, aber ihre größte Sorge galt dem Wald, den sie mit all ihren Kräften vor ungesetzlichen Holzfällern und Wilddieben zu bewahren suchten. Eine größere Fläche forsteten sie mit Wacholder auf, damit er als Heils-bringer den Menschen dienen konnte. So lebten sie bis an ihr seliges Ende.

Was aus dem getreuen Wachold wurde, sollte ich noch anfügen. Seine Glieder begannen wirklich zu wachsen. Die Finger passten jetzt in die Handschuhe, die Esmeralda für ihn ge-näht hatte. Die Lederschuhe füllte er mit seinen eigenen Füßen. Seine Nase, einst eine Perle aus Esmeraldas Kette, hatte sich aufgrund des einsetzenden Wachstums zu einer schlanken römisch anmutenden Edelnase entwickelt.
Nicht zuletzt wegen seines aristokratischen Aussehens hatte sich Maria, die Tochter des Fischers, dem Esmeraldas Boot nun gehörte, heftig in Wachold verliebt. Täglich wuchs ihre Liebe zu ihm, und Wacholds Körper vervollständigte sich. Eines Tages besaß er seine menschliche Gestalt bekam, die ihm zugedacht war.
Esmeralda, die immer die neuesten Nachrichten des Tages in der Zeitung las, entdeckte kurz nachdem sie ihr Glück gefunden hatte, eine Anzeige, die ihr Tränen der Freude und Rührung in die Augen trieb:
„Ihre Vermählung geben bekannt, Maria und Enrico Wachold!“-
Esmeralda sorgte für ein besonders kostbares Hochzeitsgeschenk. Verbunden mit den bes-ten Glückwünschen ließ sie es von einem der wichtigsten Staatsminister überbringen.
Helga-Christina Heinrigs

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2.3.07 15:40
 


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